Mittwoch, 20. März 2013

Hat Coswig-Talk eine Zukunft?

Ungeschminkte Gedanken über unser Forum

von Reinhard Heinrich

Was dafür spricht

Ein ehrenwertes Dokument -
noch zeitgemäss?
Ich war stolz auf diese einzigartige demokratische Einrichtung eines öffentlichen Bürgerforums der Stadt im Internet - und noch stolzer auf das unglaublich schnelle und zuverlässige demokratische Reagieren der vielfältigen Coswig-Talker gegen die einfältigen (meist braunen) Dumpfbacken, wann und wo immer sie sich bei Coswig-Talk aus den Löchern trauten. Hier war Coswig als "Ort der Vielfalt" hell leuchtend sichtbar, weit über allen sächsischen Städten. Diese bunte Vielfalt unserer Stadt wäre allerdings armselig dran, wenn sie sich lediglich in einem Internet-Forum zeigen müsste. Da gibt es mehr, was läuft.

Was dagegen spricht

Das Forum bindet zweifellos Arbeitszeit und -kraft sowie allerhand Hirnschmalz und manchmal Engelsgeduld im Rathaus (in der Stadtverwaltung). Ich glaube nicht, dass dort daran mehr Überfluss herrscht, als in anderen Betrieben. Besonders nicht bei der gegenwärtigen Entwicklung der Personaldecke - entsprechend der Einwohnerentwicklung. Guter Wille mag immer noch ausreichend vorhanden sein. Doch gut gewollt ist nicht gut gemacht.
Und das wahrscheinlich schwierigste Problem: Die Stadt(-verwaltung) als Betreiber war (und bleibt) schlichtweg überfordert mit der Rolle, als "Schiedsrichter" den gelegentlichen Shitstorm gegen sich selbst auch noch fair und glaubwürdig zu moderieren. Das wäre, als wenn ein Angeklagter zugleich sein eigener Richter ist. Wie er auch entscheidet - er wird nie dem Verdacht entgehen, beeinflusst zu sein. Selbst ein Urteil zu seinen eigenen Lasten wird den Gegner nicht überzeugen, denn "ein geschickter Schachzug" könnte dahinter stecken, der die Sache am Ende wieder dem Kläger schmerzhaft auf die Füsse fallen lässt.

Technischer Fortschritt und Coswig-Talk

Die Forum-Software war Technologie aus dem vorigen Jahrtausend. Gut eingeführt, aber deutlich umständlicher zu handhaben, als das viel jüngere Facebook oder Blogs - vor allem, wenn man Bilder oder gar Videos einbinden will. Solche Foren (aus dem vorigen Jahrtausend) kann heutzutage jeder technisch mässig bewanderte PC-Nutzer massenhaft einrichten und betreiben, was ja in Weinböhla auch gemacht wurde. Die Resonanz liess zu wünschen übrig und es bleibt zweifelhaft, ob sich der Leichnam Coswig-Talk noch einmal galvanisieren lässt. Eine ehrenvolle öffentliche Bestattung auf dem Server mit weiterer öffentlicher Zugänglichkeit zum Lesen im aufgearbeiteten Archiv ("... zum Löschen zu schade") wäre in meinen Augen eine sehr gute Lösung.
Ein Teil der guten alten Technologie ist ja immer noch da - und war nie weg, falls jemand Fragen an die Stadtverwaltung stellen möchte. Die ebenfalls seit langem bestehende Möglichkeit, vom heimischen PC aus Einblick in Tagesordnung und Vorlagen des öffentlichen Teils von Stadtratssitzungen zu nehmen und dann in den zuständigen Ausschuss oder die öffentliche Stadtratssitzung zu gehen und mal den unwissenden Volksvertretern so richtig zu sagen, was los ist, wird auch eher spärlich genutzt. Dass Coswiger Stadträte auf der Strasse angesprochen, am PC angemailt oder zuhause angerufen werden, habe ich allerdings schon des öfteren gehört. 

Eine Alternative?

Mit der "Coswiger Blog-Hütte" wurde ein Projekt begonnen, das auf dem Boden von Recht und Gesetz, jedoch unberührt und unabhängig von Verwaltungsaufgaben des Rathauses problemlos denjenigen Bürgern eine Stimme geben kann, die sich öffentlich äussern wollen. Und "das Rathaus", sofern angesprochen, wird solche Äusserungen genau so zur Kenntnis nehmen müssen, wie es schon jetzt der (offenen!) facebook-Gruppe aufmerksam zu folgen scheint. Selbst die Sächsische Zeitung (Ausgabe Radebeul) hatte binnen Stunden gelesen - und veröffentlicht - was sie in der Blog-Hütte zu finden meinte. Das ist mehr Öffentlichkeit, als zuletzt bei Coswig-Talk möglich war. Bekanntlich waren dort zuletzt bestimmte Bereiche nur noch nach Anmeldung lesbar. 
Die Blog-Hütte kann jede/r einsehen. Die Kommentarfunktion erlaubt auch eine uneingeschränkte Diskussion zu jedem aufgeworfenen Thema. Ein Spam-Filter blockiert offensichtlichen Missbrauch sofort. Unsachliche Kommentare können auch  per Moderation "ausgebremst" werden. Moderator kann sein, wer sich als technisch und demokratisch kompetent gezeigt hat. Die Statistik wird automatisch erstellt. Noch nicht einmal erlauben muss die Stadt das alles. Und Stadträte können (als Bürger im Ehrenamt!) ihre Stimme auf Augenhöhe und mit Kompetenz einbringen - wie jeder Coswiger. Das würde dem demokratischen Gleichgewichtsgefühl gut tun. Es ist allerdings nichts, was von Stadträten in einer Sitzung entschieden werden müsste. Es brauchte lediglich jeder Stadtrat (oder auch jede Fraktion) für sich selbst entscheiden, wie er/sie zwischen den Wahlen mit seinen/ihren Wählern kommuniziert. Und jede Entscheidung ist selbstverständlich zu akzeptieren - so, wie von den Kandidaten ja auch das Wahlergebnis.
Die dort bereits veröffentlichte Sammlung mehrerer, teils einige Jahre alter Coswiger (zumeist privater) Blogs würde die aus "Coswig-Talk" bekannte und unverwechselbare "Coswiger Atmosphäre" für die Leser (die Mehrheit hat auch bei Coswig-Talk mehr gelesen und weniger geschrieben) leicht wieder entstehen lassen. 

Die Presse und die Wahrheit

Unglücklicherweise haben lokale Journalisten ihre arg begrenzte Medienkompetenz in die Welt hinaus geschrieben, als sie behaupteten, die "Coswiger Blog-Hütte" sei - von wem auch immer - als einfacher Ersatz für Coswig-Talk vorgesehen. Dazu ist sie weder tauglich noch geeignet. Was sie kann - und nicht kann - ist dort zu lesen - wenn man sich die Zeit nimmt. Und Fragen an den bisher einzigen aktiven Autor (und Administrator) der "Coswiger Blog-Hütte" hatte bisher auch keiner der fleissigen Presseleute. Die wissen eben einfach alles.

Auf Facebook wurde die Idee geboren

Der Vorschlag, einen Blog zum öffentlichen Artikulieren von Bürgermeinungen aller Art zu verwenden, wurde zuerst von einem facebook-Gruppenmitglied in "Forum Coswig" unterbreitet, dann von mir aufgegriffen und alsbald gebrauchsfertig zur Mitbenutzung angeboten. Das ist jedoch kein Dogma, weil heute jede/r, wirklich jede/r Inhaber/in einer E-Mailadresse seinen/ihren eigenen Blog auf eigene Verantwortung aufmachen kann. Und das geschieht auch massenhaft. Die Einbindung in der "Coswiger Blog-Hütte" wäre dann eine Kleinigkeit. Und spätestens dort werden viele Leser darauf aufmerksam gemacht - und können sehen, was geschrieben wurde.
Dem Aufruf, sich zu beteiligen, sind freilich bisher nur wenige gefolgt. Auf sechs abgegebene Bereitschaftserklärungen wurden sechs "Einladungen" - das sind konkrete, für den Blog geltende Berechtigungen zur Mitwirkung als Autor und/oder Administrator - versendet. Angenommen und damit wirksam wurde lediglich eine einzige - und auch die blieb bisher ungenutzt. Der Autor hat sich mit dem Namen "Unknown" angemeldet, was völlig belanglos ist, solange er oder sie - neben keinem Namen - auch sonst nichts mitzuteilen hat.

Demokratie - gleich zum Mitnehmen

Die Coswiger können sich entscheiden, ob sie mit offenem Visier über Coswiger Angelegenheiten diskutieren wollen oder die Auseinandersetzungen lieber nach dem Motto "Hannemann, geh' Du voran" anderen überlassen. Im Herbst 1989 stand gewiss auch in Coswig eine Mehrheit tapfer mit geballter Faust - hinter den Gardinen. Aber die "Minderheit" auf den Strassen war immerhin gross und stark genug, um Veränderungen herbei zu führen, die noch heute wirken. "Coswig-Talk" wurde als einzigartige Domäne dieser "starken Minderheiten" in Coswig - und nur hier - als Angebot der Stadtverwaltung in das WeltWeite Web gesetzt. Und ist gestorben, wurde erwürgt, als "tapfere Gardinensteher" im vermeintlichen Schutze ihres Nicknames - und vielleicht auch unter rechtfertigender Berufung auf zu "befürchtende Nachteile" - glaubten, mit anonymen Beschimpfungen und Unterstellungen ("Shitstorm") ihre Ziele erreichen zu können. Leute solchen "Mutes" hätte (und hat) die Stasi auch schon vor (und bis) 1989 locker in den Griff gekriegt. Die heimlichen Beschimpfungen der Obrigkeit gab es mehr als 40 Jahre lang. Die "zu befürchtenden Nachteile" haben 1989 jene Mutigen nicht geschreckt, die da offen auf der Strasse, im Angesicht von Polizei-Sperr- und Räumketten, riefen: "Wir sind das Volk". Obwohl sie unter uns 17 Millionen eine Minderheit waren. Aber eine wirkungsvolle. Und solche Menschen werden doch nicht ausgestorben sein! Nicht in Coswig - mit seiner besonderen Atmosphäre.

(Kommentare, auch kritische, hier im Blog willkommen!)

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