Mittwoch, 10. Juli 2013

Flut künftig häufiger?

Was Hochwasser-Marken erzählen - wenn wir mitrechnen (wollen)

von Reinhard Heinrich

Schloss Pillnitz - oberhalb des Gondelhafens
(zum Vergrössern bitte Anklicken!)
Wir sehen hier 19 Hochwassermarken von 1784 bis 2002 am Wasserpalais vom Schloss Pillnitz. Von der ältesten Markierung vergingen bis jetzt 229 Jahre. Statistisch hätte es etwa aller 12 Jahre ein Hochwasser geben müssen - wenn es in diesem Zeitraum gleichmässig über die Jahre verteilt hätte kommen sollen. Aber diesen "Gefallen" tut uns die Natur nicht. An die letzten 3 Fluten können sich Menschen meist erinnern. Der durchschnittliche zeitliche "Drei-Fluten-Abstand" bis Juni 2013 beträgt 30,33 Jahre. Der durchschnittliche Abstand bezogen auf 2002 beträgt 33,33 Jahre.

Viermal Flut in 9 Jahren - wird das bald sein?

Pillnitz Gondelhafen, Flut im Rückgang am 21.Juni 2013
Die Hochwassermarken stehen links
an der Treppe.
Das weiss man nicht. Aber "wir" hatten es schon. Die Realität der Klimaveränderungen seit dem Präkambrium hält nichts von statistischen Mittelwerten. Die dichteste Häufung von Hochwassern erlebte die Elbe bei Pillnitz zwischen 1821 und 1830. Nach 21 Jahren Ruhe ("Hochwasser, das gab es früher viel öfter.") schikanierte binnen 9 Jahren die Elbe im Zwei- und Drei-Jahrestakt insgesamt viermal die Anwohner mit Hochwasser, das teils deutlich über den Gondelhafen hinaus ging. Hier beträgt der durchschnittliche Abstand von 3 unmittelbar aufeinander folgenden (gravierenden!) Hochwasserereignissen nur 2,67 Jahre. Welche Umweltsünden mögen da "bestraft" worden sein?

Hochwasser mit Eisgang - kann das passieren?

Vielleicht nicht sofort. Nach den vier Überflutungen war erst mal 14 Jahre Ruhe bis Ende März 1845. Da stieg das Wasser etwa gleich hoch wie 2002. Schlimmer war es auf jeden Fall, denn die Elbe führte noch Treibeis. Und sicherlich befürchteten manche Flutopfer eine neue Serie wie bis 1830. Es kam anders. Es dauerte 17 Jahre bis 1862 - und nun "kennt" man ja den Rhythmus - konnte man denken. Ätsch - sagte die Elbe schon nach drei Jahren 1865.  Man kann sich eben auf nichts verlassen. 
Es folgten 11 ruhige Jahre bis 1876 und das war wohl einigermassen erträglich - ausser, dass die Flut gerade im Februar kam. Äusserst schlecht für Grillpartys der Fluthelfer wie 2002 bei uns. 
Eine regelrechte "Unverschämtheit" nach nur vier Jahren war das Hochwasser im März 1881, zwar nur bis zur untersten Marke, aber doch lästig und gewiss auch zerstörerisch.

"Offensichtlich bändigte" der Mensch im Zeitalter der Industrialisierung die Natur?

Neun Jahre Ruhe bis 1890 schienen auf eine gewisse Regelmässigkeit hinzudeuten. Aber die Elbe erlaubte sich zweimal nach je 5 Jahren (1895 und 1900) neue Kapriolen - mit Tendenz zu Verschlimmerung. Man hätte meinen können, nicht nur die Häufigkeit des Hochwasser nehme zu, sondern auch die Pegelstände. Und wenn es schon Grüne gegeben hätte, dann hätten sie vielleicht "einen Beweis" gehabt. 
Und dann war in Pillnitz anscheinend wieder 20 Jahre Ruhe. 1920 ging das Elbewasser dem Schloss Pillnitz vielleicht bis zu den Türklinken im Erdgeschoss des Wasserpalais. Das 20 Jahre später auf 19 ruhige Jahre folgende Hochwasser von 1940 "bewies" den Zeitgenossen praktisch, dass es einen Rhythmus von 10 oder 20 Jahren geben muss. Aber diese Generation glaubte wohl auch mehrheitlich an den "Endsieg" respektive "die Vorsehung".

Gefahr gebannt?

Immerhin 62 von Hochwasser freie oder zumindest weniger schlimme Jahre dauerte es anscheinend bis zum nächsten in Pillnitz verzeichneten Hochwasser. 2003 bot sich daher der Begriff "Jahrhundert-Hochwasser" geradezu an. Und jetzt, 2013, gab die Elbe dieser "grosszügigen" Wertung einen Dämpfer. Es kann nun 2, 3, 5, 10, 13, 21 oder 62 Jahre dauern. Je nachdem, wie das Wetter ist.

Es muss doch einen Zusammenhang geben?

Selbstverständlich kann man auch Ereignisse miteinander verknüpfen, die zwar zeitlich nebeneinander stattfinden, jedoch auf den ersten wie auf den zweiten Blick nichts miteinander zu tun haben. Die an sich sympathischen Pastafari zum Beispiel als "Anhänger des fliegenden Spaghettimonsters" sehen einen Zusammenhang zwischen dem Verschwinden der Piraten von den Weltmeeren in den letzten Jahrhunderten und der Klimaerwärmung. Aber das ist bekanntlich eine Spass-Religion. Für die zeitliche Voraussage des nächsten Elbe-Hochwassers sind vermutlich Pendel, Glaskugel und Kaffeesatz gleich gut. Hauptsache, man glaubt dran. Dann trifft es auch ein. Am besten viele Prognosen - und diejenigen, die eingetroffen sind, dann gross rausbringen ...

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